Feminine Food | Gloria Dimmel | Künstlerin und Vulven Sammlerin
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Gloria Dimmel | Künstlerin und Vulven Sammlerin

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Heute am WeltFRAUENtag möchten wir euch die Künstlerin Gloria Dimmel vorstellen. Sie selbst bezeichnet sich als “pussy collector”. Im Interview erzählt sie über MUMURY, ihre Affinität zu Vulven, wie es zu Gipsabdrücken kam und welche Intention hinter diesem besonderen Hobby steckt.

Gloria, du bist 26 Jahre jung und du hast Slawistik und Skandinavistik studiert. 2017 entdecktest du ein bislang noch unbekanntes Hobby in dir. Eine außergewöhnliche Form der Kunst möchte man meinen, denn du begegnest dem großen gesellschaftlichen Tabuthema “VULVA” mit einem simplen Gipsabdruck und öffnest damit Türen, die seit Jahrhunderten fest verschlossen sind.

Du machst genitale Gipsabdrücke von Vulven und bringst sie durch Memory Karten, genannt PUSSY PAIRS bzw. MUMURY, die im Achse Verlag erschienen sind, spielerisch auf den Tisch. Eine mutige Herangehensweise.

Wie kam es zur Idee Vulven durch Gipsabdrücke „sichtbar zu machen“?

Das ganze ist im Selbstversuch entstanden. 2017 habe ich mich mit diesem Thema aber auch mit meiner eigenen Sexualität etwas genauer auseinandergesetzt und bspw. Vulva von Mithu Sanyal gelesen. Daraufhin hab ich spontan im Internet recherchiert, wie man das eigene Genital mit Gips repliziert und es einfach gemacht. Ich war sehr fasziniert vom Ergebnis, weil es ein total genaues Abbild der Hautstruktur, Falten etc. wiedergibt  und weil es eigentlich total einfach ist. Freundinnen wollten dann ebenso ihre Vulva als 3D-Modell besitzen und in Folge viele weitere Bekannte. Durch einen Sticker mit dem Foto meiner Gipsvulva habe ich dann endgültig begonnen, die Vulva im öffentlichen Raum zu verbreiten. Somit war es mir möglich noch weitere Leute für mein Projekt zu gewinnen. Die Reaktion der Menschen auf die Sticker war ein eindeutiger Beweis, dass die Vulva ein totales Tabu ist. Viele Frauen fühlen sich durch die Sichtbarmachung bestärkt.

Vulva

Was ist deine Intention hinter PUSSY PAIRS bzw. MUMURY? Was möchtest du damit erreichen?

PUSSY PAIRS bzw. MUMURY ist aus meinem Projekt der Vulven-Sammlung entstanden. Ich habe einfach dieses riesige Anschauungsmaterial an Diversität und wollte etwas daraus machen. Mir geht es darum, die Vulva als ganz normales Körperteil zu normalisieren, über das man genauso schamlos und unaufgeregt sprechen kann, wie über seinen Ellenbogen. Das Medium eines Spiels ist sehr niederschwellig – Spielen ist entspannend und sollten wir im stressigen Alltag viel öfter, umso besser wenn man dann auch noch etwas dabei lernt. Außerdem eignet es sich für Jung und Alt. Es gibt absolut keine Altersbeschränkung und ich traue mich wetten, dass Kinder beim Unterscheiden der (leider) schwarzweißen Vulven jeden Erwachsenen schlagen. Zudem würden sie schon von Kindheitsalter an einen normalisierten Zugang zu Genitalien und ihrer Diversität bekommen.

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In einem Video von dir, sprichst du über Schönheitsideale von Vulven – wie denkst du darüber?

Die Schönheits-Anforderungen, die heutzutage an Frauen* gestellt werden, sind unmöglich. Aber da sich der Wert einer Frau im Kapitalismus zum Großteil über Schönheit definiert, ist es schwierig, diesem System zu entkommen. Das ganze ist vollkommen abstrus und umso schlimmer, wenn es um sichtbare Äußerlichkeiten, der zu meist verborgenen Körperteilen, geht. Frauen sollen im Idealfall klein, schlank, zierlich und lieb sein und bestenfalls nicht auffallen. Selbiges ist auf die Vulva umzudeuten. Wenn man die Diversität von Vulven im Mainstream sehen will, muss man lange danach suchen. Selbst Aufklärungsbücher bieten oft nur reduzierte Zeichnung von Geschlechtsorganen mit kleinen Labien und dem kleinen Köpfchen des Kitzlers, ganz zu schweigen von einem fehlenden sexpositiven Zugang zur Aufklärung ganz allgemein. Ich denke der Griff zu Pornografie ist unter Jugendlichen weitverbreitet und beeinflusst früh das Sexualverhalten und Vorlieben. Dass dort hauptsächlich kleine Labien gezeigt werden und große Vulvalippen fast schon als Fetisch kategorisiert werden, ist kein Geheimnis. Besonders bei Mädchen prägen sich negative Erfahrungen sowie abwertende Aussagen über ihre Genitalien lange ein, zumal man einfach kaum Vergleichsmöglichkeiten hat und „Anders-Sein“ in diesem Alter einfach nicht gewollt ist. So anders ist man natürlich eigentlich gar nicht.

“Mir geht es darum, die Vulva als ganz normales Körperteil zu normalisieren, über das man genauso schamlos und unaufgeregt sprechen kann, wie über seinen Ellenbogen.”

Was ist dein Wunsch an die Frau, die diese Zeilen liest.

Sich über die Größe, Form oder Farbe seiner Genitalien Sorgen zu machen ist absolute Zeitverschwendung (zumindest aus ästhetischer Sicht, gilt natürlich nicht für gesundheitliche Aspekte). Viel wichtiger ist es, einen positiven Zugang zu seinem Körper zu finden, die Funktionalität in den Vordergrund zu stellen. Der Körper leistet jeden Tag so viel und das vergisst man leicht. Ist es nicht viel besser, sich darauf zu konzentrieren, was deine Vulva bzw. Vagina kann? Wie sie sich selbst reinigt, welche Lust sie bereiten kann, oder dass sie praktisch unversehrt einen Säugling zur Welt bringen kann?

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Tipp: Das Pussy Pairs – Memory Spiel erhältst du ganz einfach HIER.

Bildquellen: www.gloriadimmel.com, www.achseverlag.com